Asian Odyssey (19. November 2014 – 20. März 2015)

Niemand kehrt von einer Reise zurück, wie er aufgebrochen ist. Auch nicht ich, schon gar nicht nach Dieser. Es war der längste Trip meines noch jungen Lebens, der Tiefste, auch der Lehr- & Erlebnisreichste und auch der Teuerste. Aber ich weine keinem Geldschein hinterher, habe ich sie doch gegen so viel Wundervolles eingetauscht, gegen das Einzige was einen wirklich reicher macht, was man erwerben kann. Denke ich heute schon zurück, lasse den Leporello fächern, die Dias durch den Projektor huschen, dann überkommt mich ungläubiges Glück und tiefe Dankbarkeit für all das Erlebte, für jeden beschissenen Moment und jede erfüllende Ewigkeit. Das Rad der Zeit stand sooft still, ich habe schon Mühe mich an all die Magie recht zu entsinnen. Die gewonnen Eindrücke gehen so tief hinein, berühren ungewohnte Sphären in meiner Großhirnrinde, verwachsen dort und formen mich neu; aktualisieren den Status Quo und heben mich empor. Mir stellt sich einmal mehr die Frage, wie ich ohne die gewonnenen Erkenntnisse vorher zu existieren vermochte, so profan und einfallslos scheint die vorangegangene Zeit. So viele Ideen bringe ich mit, schrieb ich mir auf, warten nun darauf umgesetzt zu werden. Es schien gewiss nicht stets die Sonne, persönliche Hochs waren häufig von unschönen Ereignissen gefolgt. Aber egal was auch passierte, es war stets eine Erfahrung, eine Erkenntnis des blutbefleckten Lebens, der wunderschönen Wirklichkeit. Dies ist der Antrieb all meiner Reisen: ich will die Welt be- & erfahren, will irgendwann weise wissen was sie im Innersten zusammen hält. Will und kann mich nicht nur zu Hause verkriechen, will Teil haben an unserer globalen Welt, sie sehen in all ihren glänzenden Facetten. Das durfte ich nun vier Monate tun, durfte Zeuge sein von Menschlichkeit und menschlichem Versagen; konnte die Schönheit der Natur Bewundern, leider auch ihren Untergang. Meine Irrfahrt durch Asien brachte mich an zuvor unbekannte Orte, habe nun ganz Südostasien für mich bereist, bin hoch zufrieden über all das Erreichte. Auch mit dem Fakt, dass ich nicht eine Plastiktüte brauchte, nicht eine einzige Wasserflasche kaufte, mir stets mein Trinkwasser selbst bereitete, und das in einem so extrem von Kunststoff geflutetem Gebiet. Auch kulinarisch habe ich neue Gipfel bestiegen und auch hier viele neue Inspirationen gewonnen. Es bleibt mir nur, mich bei allem und jeden zu bedanken der Teil hatte an dieser Reise, sie möglich machte und geschehen ließ. Ich verneige mich vor dieser wunderbaren Welt und hoffe auf bald wiederkehrenden Kontakt.

Melbach, Deutschland

Eigentlich wollte mich Brandon zum Flughafen fahren, aber die Party in der Nacht zuvor scheint wohl zu heftig gewesen zu sein. So nehme ich ein teures Taxi zum Flughafen, sehe auf dem Weg einige der künstlerisch bestreiften Wassertürme im Morgendunst. Check in und Passkontrolle gehen zügig von statten und schon bald sitze ich im fast leeren Flieger über dem Iran, verabschiede nicht nur Kuwait sondern trete auch den finalen Heimweg an. Die Wiederkehr nach 120 Tagen im äquatorialen Gürtel Süd- & Südostasiens. Ich bin erstaunlich gefasst der Tatsachen, stehe ungewöhnlich nüchtern allem entgegen, weiß was geschehen ist und wahrscheinlich passieren wird. Weiß das Vergangene zu schätzen und die Zukunft wohl zu achten. Reisen wird langsam zur Routine, gleichwohl zur Einzigen die nie zur langen Weile führt. Vier Monaten waren diesmal genug, aber auch, weil ich von vornherein diese Dauer vorgegeben hatte; würde der Kompass noch mal rotieren, wäre sicher noch mehr gegangen. Obwohl ich tatsächlich feststellen musste, dass der Akku teilweise schwächelte, ich immer öfter nach Ruhe und Entspannung suchte. Und darauf freue ich mich jetzt besonders: auf ein gesundes Leben voller Liebe und Natürlichkeit. Zurück zu einer vollwertigen Ernährung und zu meiner Partnerin. Tausend Pläne habe ich im Kopf, bin gespannt was ich davon übersetzen kann, die Zeit ist ja leider immer limitiert, spätestens wenn das Fernweh wieder an die trübe Fensterscheibe klopft. Aber heute soll die Sonne scheinen, sollen Blumen blühen und die Knospen sprießen. Heute soll das Leben zelebrieren, auch wenn es anderswo vergeht. Heute ist der Anfang meiner restlichen Lebenszeit und jeder Anbeginn verheißt stets Gutes. Der Main windet sich inzwischen unter mir durch die freie Sicht und pünktlich zum kalendarischen Frühlingsanfang lande ich am 11.430 Tag meines Lebens, zurück in heimischen Gefilden. Bis zum nächsten Mal in dieser Welt, es war mir ein ausgesprochen ungeheures Fest!

Kuwait City, Kuwait

Ein bisschen Schlaf hier, ein bisschen dort, die Nacht am Flughafen von Bangkok verläuft gar nicht so schlecht. Man findet sogar mein Messer im Handgepäck und ich muss meine Wasserflasche leeren, richtig auf Zack die Jungs. Der riesige Airbus kommt aus Manila, macht Halt in Bangkok um alle Gäste nach Kuwait zu bugsieren. Schlafen im Flugzeug klappt auch ganz gut und es gibt wie bestellt eine Rohkostplatte zum Frühstück, meine Herren! Der Flughafen in Kuwait präsentiert sich besser als erwartet und das Visum und die SIM Karte sind schnell organisiert. Eigentlich bin ich mit einem indigenen Kuwaiter über Couch Surfing verabredet, der mich für heute eingeladen hat und mich unbedingt herumführen wollte. Ich rufe ihn an und mir wird spröde abgesagt, er hätte besseres zu tun. Na tolle Wurst. Mein Gepäck kann ich nicht am Flughafen lassen und mein Gastgeber für die Nacht kommt erst spät nach Hause.

Also packe ich mir die Taschen voller Geld und sage dem indischen Busfahrer dass ich ins „City Center“ will. Wir kreuzen lange durch wüstenfarbene Siedlungen, bis wir plötzlich vermeintlich angekommen sind. Ich hüpfe raus, der Bus rauscht davon und ich stehe vor einem Einkaufszentrum namens „City Center“; sieben Kilometer von meinem eigentlichen Ziel entfernt. Ich muss lachen, was für ein herrliches Missverständnis! Kuwaits Straßen sind natürlich nicht für Fußgänger geschaffen und ich bin genötigt ein Taxi zu nehmen, will zu einem traditionellen „Souq“. Werde erst zu einer Shoppingmall gefahren, dann zum Lebensmittelmarkt. Der Himmel ist bedeckt und es ist überraschend kühl. Ich laufe desorientiert über den Platz und werde gleich zum Straßenessen eingeladen; das ist echte arabische Gastfreundschaft. Von der großen alten Markthalle der Stadt hatte ich mir etwas mehr erwartet, kein Vergleich, etwa mit Istanbul und seinen tausenden durchdrungenen Gassen. Ich sitze ewig in einem Restaurant, weiß nicht recht was ich anstellen soll, bin mit meinem ganzen Gepäck an den Fleck gebunden. Die gemütlich aussehende Teestube finde ich in den Straßen des Marktes auch nicht wieder und so sitze ich gelangweilt auf einer Bank und warte aufs Nichts. Nach einer ganzen Weile kann ich doch meinen eigentlichen Gastgeber erreichen. Er ist noch nicht auf Arbeit, noch zu Hause, meine Erlösung! Sofort nehme ich ein Taxi zur angegebenen Adresse, an der mich Brandon auch bald empfängt; auf die westlichen Werte ist doch noch immer am ehesten Verlass. Der Mittzwanziger aus Miami muss gleich weiter, seiner Tätigkeit als Basketballtrainer nachgehen. Ich bin dankbar, endlich mein Reisegepäck abstellen und nun unbeschwert die Gegend erkunden zu können. Es windet stark an der Promenade, das Wetter ist schlecht und die Kuwait Towers bis auf weiteres wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Langsam erleuchten die Lichter der Stadt das wolkige Firmament, ich stapfe noch etwas weiter umher und esse eine indische Kleinigkeit bevor ich alsbald den vierstündigen Jetlag Tribut zollen lasse und das Nachtquartier beziehe.

Nachdem ich einen, für Kuwait ungewöhnlich heftigen, Regen verschlafen habe, bin ich schon früh auf den Beinen. Dem Guss verdanke ich jetzt einen zunehmend strahlend blauen Himmel ohne den sandigen Dunst der sonst wohl die Szenerie verdreckt. Ich spaziere durch die Stadt, an den höchsten Türmen hängt sich noch der Nebel auf. Fotografiere hier und dort, auch ein paar Arbeiter wollen mit aufs Bild. Sie sind auch schon früh unterwegs, bauen Häuser, passen auf irgendetwas auf oder waschen die Autos der reichen Kuwaiter. Diese sieht man in ihren traditionellen, weißen Kluften nur kurze Wege gehen, meist nur fahrend unterwegs. Ich drehe eine große Runde bis zu den Kuwait Towers, den vielleicht bekanntesten Wassertürmen der Welt, halte sie fest bei Sonnenschein, dann lege ich einen kurzen Stopp bei Brandon ein. Dieser ist mittlerweile auch schon wach und fährt mich bald wieder in die Stadt und sich selbst ins Fitnessstudio. Ich will mir jetzt meine Dosis Arabien injizieren, nicht den neuen, austauschbaren Firlefanz, nein, das über Jahrhunderte gewachsene kulturelle Erbe dieser faszinierenden Region. Ganz in der Nähe werden traditionelle Webarbeiten in einem Haus aus Kalk und Korallen ausgestellt, das kommt der Sache schon recht nahe. Im Nationalmuseum bekomme ich neben den Eindrücken in früheres Seemannsleben, vor allem die handwerklichen Aspekte des Daseins vor dem Öl gezeigt. Der alte „Souq“ ist nicht weit entfernt und hält eine außerordentliche Auswahl an allerlei Dattelsorten parat von denen ich mich mit zwei Kilogramm frisch saftiger Palmenfrüchte belade. Danach holt mich Brandon auch schon wieder ab und wir besuchen gemeinsam ein kleines Museum in dem die Schrecken der irakischen Invasion aus dem Jahr 1990 in einigen Schaubildern dargestellt werden. Der eigentliche Höhepunkt befindet sich jedoch am Ende der Führung. Ich kann mich noch gut an die Fernsehbilder entsinnen, als nach dem zweiten Irakkrieg in Bagdad eine riesige Statur von Saddam Hussein von einem Panzer in die Horizontale gezogen wurde. Und nun liegt hier der drei Tonnen schwere, bronzene Kopf des Gehängten vor meinen Füßen; inklusive Einschusslöcher, sehr imposant! Als nächstes stehen unsere gustatorischen Gaumenfreuden auf dem Plan, die wir in einem libanesischen Restaurant mit viel Salat und Humus befriedigen. Da in Kuwait traditionell alles mindestens vier Stunden für die Mittagspause geschlossen hat, nehmen auch wir uns die Freiheit des entschleunigten Genusses; essen und unterhalten uns gut in geselliger Atmosphäre nahe der Uferpromenade. Nach einem der besten (und teuersten) Mahlzeiten der gesamten Reise fahren wir landeinwärts zu einer privaten Sammlung islamischer Kunst, die sich als überaus prächtig bestückt und anschaulich entpuppt. Die tiefen Räume sind bis zum Zerbersten mit antiken Schätzen aus dem arabischen Raum gefüllt. Solch eine umfangreiche Ansammlung von inspirierenden Musikinstrumenten, Vasen, Gewändern, Alltagsgegenständen und Schmuck habe ich noch nie zuvor gesehen. Spätestens hier ist Arabien am Überborden, hier zeigt sich die wahre Wiege der menschlichen Zivilisation; kein Vergleich zu jeglicher Kunst des frühen Europas. Völlig gesättigt von den Eindrücken fahren wir weiter zur Grande Mosque, der achtgrößten der Welt. Eigentlich hat man gerade keine freien Ressourcen um uns herumzuführen, organisiert aber kurzerhand jemanden der extra für uns von außerhalb erscheint und mit uns eine private Führung durch die riesige, heilige Halle macht, deren Decke an ein futuristisches Raumschiff erinnert. Die Verwendeten Materialen sind die Besten die der Planet zu bieten hat und der daraus resultierende Prunk begeistert auch noch den gläubigsten Christen vom wirklich einzig wahren Gott.

Bangkok, Thailand

Um halb sechs Uhr morgens knattere ich zur Haltestelle. Mit mir sind nur schon Mönche unterwegs um ihre morgendlichen Almosen von den, schon vor ihren Türen wartenden, Einheimischen in Empfang zu nehmen. Der Zug startet pünktlich, elf Stunden liegen zwischen Nong Khai und Bangkok. Die Fahrt verläuft ohne nennenswerte Zwischenfälle, die flache Landschaft wird beackert und bräuchte dringend eine ordentliche Dusche. Die Zeit vergeht zügig mit Lesen und Schreiben und erstaunlich pünktlich kommen wir in der Hauptstadt Thailands an, nachdem sich der Zug über eine Stunde durch den Moloch wühlte. Schnell wieder in meine bekannte Bleibe, dann gebe ich mir nochmal Auslauf und streune durchs belebte Chinatown. Wie oft war ich nun schon hier, kann mich noch immer nicht richtig orientieren, habe schon so viel Besseres gesehen. Aber egal, es ist Bangkok, es ist Thailand, ja verdammt nochmal, es ist Asien; das letzte Mal für eine relativ lange Zeit tauche ich ein im Haifischbecken, schwimme mit und bin doch schon so gut wie weg.

Bangkok, ach Bangkok, wie habe ich dich doch vermisst. Deine profunde Architektur, deinen stinkenden Verkehr und deine tausend Tempel; das Chaos in dem du erstickst. Immerhin weiß ich mittlerweile nichts mehr zu erwarten, das schmälert die Enttäuschung doch immens. Ich brüte bis mittags auf der Dachterrasse, dann starte ich den eminenten Versuch, meine letzten burmesischen Kyat in Thai Baht umzutauschen. Aber weder offiziell noch schwarz bekomme ich es gewechselt, nicht in ganz Thailand, nicht in Chinatown. Sinnlos latsche ich umher, auf der Suche nach der Person mit den dicken Bündeln. Ich finde sie nicht, sage aber auf Wiedersehen, zu Asien und seinen kleinen verzweigten Gassen des Lebens. Ich esse zur Trauer des Tages nochmal ein Curry aus einer Kokosnuss, verbringe den Rest aber lokal und ohne Abenteuer, bevor ich am Abend aufbreche um die Nacht erneut am Flughafen zu verbringen.

Nong Khai, Thailand

Ich fahre wieder über den Mekong zurück, zurück nach Thailand, zum vierten Mal auf dieser Tour reise ich ins Land des Lächelns ein. Ich lasse mich erstmal zum Bahnhof fahren um ein Billet nach Bangkok zu ergattern, dann geht’s weiter zum Gästehaus wo ich eines der gemütlichsten Zimmer der gesamten Reise bekomme, und jenes zu einem unschlagbaren Preis. Ich bin hoch zufrieden, auch die Menschen hier im äußersten Nordwesten sind viel freundlicher als in anderen Landesregionen. Am Nachmittag treibe ich mit dem Fahrrad durch die Straßen, als mich ein älterer Herr aus einem Frisörsalon zu sich ruft. Er hat völlig Recht, die Mähne muss mal wieder ab und schon sitze ich auf seinem Zauberstuhl. Er greift zur elektrischen Maschine, ich signalisiere ihm jedoch die Schere. Der Herr Coiffeur versteht sofort, sein Kunde schätzt nicht nur das Endprodukt sondern hat auch die Ästhetik des Augenblicks am Kopf. Hier bin ich an einen wahren Virtuosen seiner Zunft geraten, der tief in den Zylinder greift. Eine halbe Stunde fuchtelt er wild und energetisch an mir herum, am Ende scheint jedes Haar am Kopfe einzeln gekürzt zu sein. Ich bin beeindruckt von der Haareskunst, gebe Trinkgeld und fahre leicht und locker in den Sonnenuntergang hinein. An der Promenade am Mekong wird heute ein Nachtmarkt aufgebaut über den ich später schlendre, mich an asiatischen Köstlichkeiten labe und das leibhaftige, lokale Leben in vollen Zügen in mich zirkulieren lasse. Szenen dieser Reise passieren wohlwollend Revue, ich fühle mich geerdet am Ufer des Mekong, bin dankbar für Erlebtes und realisiere die baldige Wiederkehr.

Es gibt generell nicht viel zu erleben in der kleinen Grenzstadt am Mekong, aber eine Sache lockt mich dann doch noch hinter dem Ofenrohr hervor. Ein laotischer Künstler hat außerhalb der Stadt sein Lebenswerk verdoppelt. Nachdem er jenseits der Grenze einen Skulpturenpark erschuf, aber nach der Machtergreifung der Kommunisten nach Thailand wanderte, baute er innerhalb von zwanzig Jahren den gleichen Park nochmal, noch skurriler, nur ein paar Kilometer entfernt vom Ersten, auf der anderen Seite des Flusses. Ich strample also morgens durch das sonntäglich verschlafene Nest, durch bunte Straßen und grüne Wege bis zu den mächtigen Figuren. Riesige Buddhas stehen, sitzen, weitere Statuen mittendrin. Alles ist aus Beton gegossen, alles ungewöhnlich grau in grau; Hindu- trifft auf Buddha Kunst. Es macht Spaß durch den Park zu wandeln, Vögel trällern und mit mir sind nur ein paar Einheimische vor Ort. Nach dem Besuch fahre ich langsam in die Stadt zurück, kreuze die farbenfrohen Straßen und genieße die leichte Energie. Viel mehr gibt es hier dann wirklich nicht zu sehen, ein paar Tempel hier und dort, die heute von riesigen, hypermodernen Reisebussen angefahren werden. Die heißen Tagesstunden über schlendre ich durch den überdachten Markt, verbringe den Rest gemütlich in meiner Unterkunft und speise zu Abend mit der untergehenden Sonne am Ufer des mäandernden Mekongs.

Vientiane, Laos

Pünktlich um halb neun stehe ich an der Straße und warte auf meinen Bus nach Vientiane, währenddessen eine Horde mundgeschützter Chinesen in Geländebuggys vorbei zu den Höhlen knattert. Spaß haben, erleben, alles mitnehmen was nur geht, um jeden Preis und nur in Gesellschaft der schützenden Gruppe. Der chinesische Reisende 2.0 erobert den Planet. Diesmal ist es tatsächlich ein Minibus und kein Minivan der mich und dann noch etliche andere von der Straße sammelt. Der Weg führt durch dichten Dschungel, mal mehr, mal weniger intakt. Ihm fehlt es jedoch ordentlich an Belag und so holpern wir gut einhundertfünfzig Kilometer klappernd gen Süden. Mittlerweile früher Nachmittag, erreichen wir die Hauptstadt des Landes und halten ordentlich zentral.

Die Stadt präsentiert sich hässlich, ohne Flair oder gar Leben und heute tue ich mich schwer mit der Zimmerwahl. Finde nach einer ganzen Weile Herumlaufens eine ansprechende Bleibe zu einem vernünftigen Preis. Jedoch frage ich beim Einchecken nach der Möglichkeit meine Wasserflaschen aufzufüllen, was man mir verneint, obwohl etliche große Kanister zu sehen sind. Das lasse ich natürlich nicht auf mir sitzen und breche erst mal eine Grundsatzdiskussion vom Zaun, das kann ja wohl nicht sein. Man will sich jedoch von so einem dahergelaufenen Europäer nichts erzählen lassen und vergibt die beiden letzten Zimmer kurzerhand an die nächsten Gäste. Ich sattle wieder auf und verschwinde. Leider hatte die Bande das beste Preis-Leistungsverhältnis weit und breit und die Hitze drückt mittlerweile wieder gewaltig. Ich will nicht aufgeben, will etwas Ordentliches finden für die Nacht. Aber irgendwann kapituliere ich, lasse mich in irgendeiner Bude fallen und springe erst mal unters kühle Nass. Der erste Tag ist immer der Schlimmste, man ist neu, weiß nicht wie und wo der Hase läuft, muss die neuen Eindrücke erstmal absorbieren. Wird von allem und jeden zusammen- sowie ausgequetscht, will gelegentlich lieber gar nicht angekommen sein. Dann hilft oftmals ein gutes Restaurant oder zur Not, wie heute, auch ein paar ordentliche Läden. Ich erwerbe ein paar Kleinigkeiten. Ich muss gestehen, etwas zu kaufen macht (mich) glücklich(er), jedenfalls und definitiv auch nur für den Moment. Eigentlich bin ich mit einem Freund von Hamish für die Nacht verabredet. Am Abend kann ich ihn endlich erreichen, er will mich noch heute hier rausholen. Mein Zimmer kann ich an eine coole deutsche Familie weiter geben und dann hupt mich Dominic auch schon von der Straße an, komplett in weiß gekleidet, vom Helm bis zu den Solen. Alsbald rasen wir durch das lichternde Vientiane zu seinem Haus, welches direkt neben dem des Premierministers steht.

Morgens habe ich die Hazienda für mich allein, der Hausherr liegt noch in den Federn und die Bediensteten trudeln auch erst später ein, angestellt um die Diva bei der vielen Arbeit zu unterstützen. Dominic ist ein Vollblutkünstler oberster Gravur, hat an etlichen Kriegsschauplätzen dieser Welt Projekte für die Freiheit gezündet und plant und projektiert gerade das größte Friedensmuseum dieser Erde; eines in Australien und ein identisches für die Chinesen. Hoch interessant der Mensch und seine Lebensweise. Wir kommen gut zurecht, unser geistiges Alter gleicht sich in etwa, wenn physisch dagegen auch die Hälfte klafft. Den Vormittag verbringe ich mit Büroarbeit, dann fährt mich seine Sekretärin Picko in die Stadt. Ich bin selten bei einer Frau hinten aufgestiegen, auch wenn sie früher mal dem anderen Geschlechte galt. Verdammt gut gemacht das Gesamtkunstwerk, das muss ich ihr lassen. Es herrscht immer eine merkwürdige Energie zwischen Transsexuellen und mir, ich weiß nie ob ich mich angezogen oder abgestoßen fühlen soll, meistens ist es ein merkwürdiger Mix aus Beidem.

Ich erkunde allein und zu Fuß das heiße Pflaster, viel schöner als es gestern war ist es heute auch noch nicht; Vientiane ist wahrscheinlich die langweiligste Hauptstadt die ich jemals bereiste. Ich besuche eine Ausstellung über Clusterbomben, die von den Amerikanern im kalten/heißen Krieg gegen den Kommunismus in den siebziger Jahren millionenfach über dem Land abgeworfen wurden und so Laos, relativ zur Bevölkerungszahl, zum am stärksten bombardierten Land der Erde machten. Da schätzungsweise circa ein Viertel aller Bombies nicht detonierten, liegen heute noch Millionen von bunten Blindgängern in der Botanik; laden Kinder zum Spielen ein, töten und verstümmeln um die zwanzigtausend ländliche Laoten in jedem neuen Jahr. Ziemlich beeindruckt von dem Überblick bietet die direkt vor dem Besucherzentrum abgehaltene, (nachträgliche) Feier zum internationalen Frauentag einen freudigen Kontrast. Hier wird geschnattert und gegessen, ganz in südostasiatischer Manier. Kurz darauf finde ich das vielleicht einzige vegetarische Restaurant des Landes und spaziere voll zufrieden weiter durch die Sommersglut, vorbei am Palast des Präsidenten zum alternden Nationalmuseum. Ganz nach dem Vorbild der kolonialen Herren steht auch ein Triumphbogen mitten in der Stadt, den ich zum Abschluss noch besteige, bevor ich fix & fertig zurück in die kreative Brutstube kehre.

Am Abend besuche ich mit Dominic eine von Expats belagerte Galerieeröffnung, danach lädt Picko zu sich ein. Der erste Geburtstag eines Kindes wird gefeiert, alle Freunde und Verwandte sind vor Ort und okkupieren die nächtliche Gasse. Es gibt Buffet, Bedienung und frisch Gezapftes auf jedem Tisch, den ich mir mit drei Drag Queens teile. Keine Ahnung wie oft ich heute Abend verheiratet wurde, die Veranstaltung ist auf jeden Fall der Knaller. Während ich mir die marinierten Pilze schmecken lasse, stellen sich diese als Hühnervaginas heraus; igitt, wer kommt denn bitte auf so etwas? Irgendwann wird es uns zu bunt, wir starten wieder in die Nacht und sausen durch die Vororte der Stadt. Im Nichts- & Niemandsland steht auf einmal ein Lokal mit grellen Röhren in der Finsternis. Wir trinken farbenfrohes Zeug mit Eis, ich denke mal lieber nicht darüber nach und habe eine gute Zeit mit einem coolen Typen, exzentrisch weiß gekleidet mit rot gefärbtem Haar. Den nächsten Vormittag verbringen wir wieder im Haus und knipsen uns noch gegenseitig zur Erinnerung bevor wir mit all meinem Gepäck zusammen auf den weißen Roller steigen und erst noch zum wichtigsten Tempel des Landes fahren, bevor mich Dominic die verbleibenden fünfundzwanzig Kilometer zur Freundschaftsbrücke kutschiert. Wir verabschieden uns herzlich, dann reise ich aus Laos aus.

Vang Vieng, Laos

Gamelan Klänge aus der Konserve wecken mich früh an diesem Morgen, die Nachbarn feiern immer noch. Heute kommen Mönche und Novizen zu Besuch, stellen ihre Bettelschalen auf und warten geduldig bis die anwesende Gesellschaft diese mit Klebreis, Geld und in Plastikschrott aufgefüllt hat; die jeweils linke Schulter bedeckt mit einem seidenen Schal. Ich habe von allem genug gesehen, viel gab es ja sowieso nicht zu erleben. Der gebuchte Minibus verspätet sich um neunzig Minuten und ist heillos überbucht. Ein zweiter wird herbei geschafft und die größten Idioten unter sich gesteckt. Ich bekomme einen hinteren Einzelplatz am Fenster, eigentlich ein Garant für eine gute Fahrt. Da ich aber die Fahrbahn nicht sehen kann und noch nichts Anständiges im Magen habe, wird der Trip bald zur Tortur, denn eine Kurve jagt die Nächste in das bergige Terrain. Die Landschaft ist eigentlich ganz schön, dicht bewaldet sind die Berge. Die Straße ist jedoch in miserabler Verfassung und ich bin dankbar für jeden geradeaus laufenden Meter. Nach vier Stunden Kampf gegen den Brechreiz gibt es endlich eine Pause in der ich eine Kleinigkeit zu mir nehmen kann. Später beruhigt sich die Strecke und mein Pansen und wir kommen bald in Vang Vieng an. Es sieht nicht besonders gut aus in der kleinen Stadt, ich laufe gleich außerhalb über die Brücke am Fluss und finde ein Idyll im Nirgendwo. Von einer einfachen Hütte überschaue ich ein grünes Feld hinter dem sich eine dramatische Karstlandschaft erstreckt. Kühe muhen, Vögel zwitschern, ein Bächlein plätschert gemächlich vor sich hin. Noch nicht einmal ein WLAN Signal stört die absolute Ruhe, nur die stehende Hitze erschwert etwas den Genuss.

Abschalten, ausschalten, den Stecker ziehen, das habe ich mir für hier vorgenommen. Das klappt auch ganz gut: ich meditiere, lese, schreibe, bis die Hitze rollt und ich auf dem Bett zusammen klappe und über Mittag schlafe. So schön es hier auch ist, es fehlt das Meer und seine Brise, das Rauschen, die besondere Energie des wichtigsten Elements, um Zeit in einen relativen Faktor zu verwandeln. Hier steht der Moment wie die Hitze an der Wand. Hier bewegt sich nichts, nur Langzeitwellen drücken sich durch den Kanal. Am Nachmittag überquere ich nochmal den Fluss, laufe über die Hängebrücke und zahle mein Schutzgeld um in das Katastrophengebiet zu gelangen. Vang Vieng gleicht einer ausgebombten Partyzone: hier hat sich die Crème de la Crème der Hirnlosen ein Jahrzehnt tot und dämlich gefeiert, bis die Regierung vor kurzem dem überbordenden Treiben den Riegel vorschob und die Stadt nun auf der Suche nach einem neuen Image ist. Es ist ihr bisher nicht gelungen, es kommen immer noch die Flachgeister um ihre tätowierten Wänste durch die Straßen zu schieben und sich auf einem LKW Schlauch alkoholisiert den Fluss herunter treiben zu lassen. Sie werden immer noch bedient vom anbiedernden Konsum, und das zu Preisen, die mich am Verstand aller Beteiligten zweifeln lassen. Was neu sein mag sind wohl die Chinesen die heute in ganzen Scharen in die Stadt gelangen. Um sich voll bekleidet im flachen Wasser zu suhlen und danach grölend in eines der unterirdisch schlechten Restaurants einzufallen. Als Stadt verfehlt Vang Vieng jeglichen Gewinn, einzig die imposante Karstlandschaft hat ihren Reiz.

Ich mir einen Motoroller, um diese naheliegenden Naturattraktionen besser bestaunen zu können. Die Straße hat schon vor Jahren ihren Belag verloren und nun rattere ich mit einer halbautomatischen Klapperkiste über Stock und Stein; definitiv kein großer Spaß. Der erste Stopp hält an einem steilen Hügel, den ich gut zweihundert Meter in die Höhe kraxle. Extrem steil geht es bergauf, ich bade mehrmals in meinem eignen Schweiß bis ich die Aussicht auf die umliegenden Felder und Hügel vom Gipfel aus genießen darf. Weiter geht der wilde Ritt zur größten Höhle die es hier zu finden gibt. Am Fuße derer befindet sich eine traumhaft blaue Lagune die zum Planschen lädt, würden nicht schon dutzende Chinesen in komplementär leuchtenden Rettungswesten darin treiben; was ein surreales Spiel. Die eigentliche Höhle habe ich jedoch für mich allein, bin überwältigt von der versunkenen Energie des Höllenschlunds. Ich bin völlig in meinem Element, klettere überall herum und bestaune die sich wandelnde Gruft von jedem Winkel aus erneut. Gänzlich befriedigt bin ich schon kurz davor zu gehen, als ich bemerke, dass dies nur die Vorhalle der eigentlichen Höhle ist! Es geht noch viel weiter tief in den Berg hinein, riesige Hallen tun sich im Schein meiner Lampe auf, wirres Gestein formt sich um mich herum. Hier kann man partiell erahnen wie sich geologische Formationen bildeten, wie sich die Erde einst zusammen schob. Immer tiefer gräbt sich der Weg, zum Glück ziehen zwei Spanier mit mir hinein, die sich an den Rückweg entsinnen, ich hätte alleine sicher panische Probleme bekommen. Überwältigt und froh wieder am Tageslicht zu sein, sattle ich wieder auf, aber die Strecke ist so schlecht, ich besuche nur noch eine weitere Höhle von den vielen rings umher. Deren Zugang ist aber so klaustrophobisch eng, dass ich zwei Minuten später adrenalingebadet wieder draußen stehe und zitternd schnell nach Hause fahre. Eklatanter als mit einem dunklen Gang ins Nichts kann man mir gar nicht die Freiheit nehmen. Nach diesem harten halben Tag genieße ich mein Idyll hier noch einmal umso mehr.

Luang Prabang, Laos

Nach sieben Stunden auf dem Wasser kommen wir heute am finalen Zielort an, aber dann doch nicht ganz, weil man uns gut sieben Kilometer vor der Stadt an Land bugsiert, man will den TukTuk Fahrern ja auch ihren Teil an uns verdienen lassen. Luang Prabang präsentiert sich paradiesisch touristisch, ein Gästehaus folgt dem Nächsten, man könnte meinen, es gibt keine Häuser die nicht von Urlaubern besiedelt werden. Die vorher ausgesuchte Straße meiner Wahl ist wunderschön mit grün gesäumt und verstrahlt eine tolle Energie. Das wissen anscheinend auch die Herren der Gäste und haben sich mit ihren Übernachtungspreisen untereinander abgesprochen; überall die gleiche Summe, Gebotenes variiert nur bedingt. Was soll ich machen, die Offerten stimmen und ich bekomme ein schickes Zimmer aus Holz und mit großem Balkon. Bin der einzige Gast in diesem Haus, obwohl man sich ringsherum gegenseitig auf die Füße tritt.

Irgendwelche einheimischen Deppen machen die ganze Nacht Krawall. So etwas hätte es in Myanmar nicht gegeben, dort hat man seinen Gast geschätzt. Auch sonst scheut sich der Vergleich der beiden Länder ganz gewaltig. Weder das Lachen, noch die Scheu oder die Tiefe sind hier ausgeprägt wie dort. Sei’s drum, ich kann es nur bedauern, nicht noch länger in Myanmar verweilt zu haben. Will nun aber die kühlen Morgenstunden nutzen zum Entdecken. Über den morgendlichen Markt geht es nach oben auf den Hügel und wieder herunter zu Flusses Ufer. Auf dem Weg liegen einige Gotteshäuser und heilige Stätten und er ist von kolonialer Architektur geprägt. Luang Prabang ist ein merkwürdiges Pflaster: es ist zwar alles ordentlich zu Recht gemacht und gar reizend anzusehen, jedoch hat man beim Herausputzen vergessen die ursprüngliche Authentizität zu wahren. Die Altstadt wirkt mitunter wie von Anfang an für den Tourismus konzipiert, Einheimische scheinen nur noch Marionetten im Schauspiel um das große Geld. Neben den dreiunddreißig, immerhin recht individuellen, Tempeln gibt es sonst nur noch Hotels, Cafés und Restaurants zu sehen; die pure Langeweile macht sich breit. Zusätzlich muss man für jeden Tempel, jeden Krempel ein paar Scheine locker machen, als ob man hier nicht schon genug zur Kasse gebeten würde. Bereits nach kurzer Zeit weiß ich nichts recht mehr mit mir anzustellen. Auf sinnlos in überteuerten Cafés zu sitzen, habe ich keine Lust und die zwei von mir gesuchten, gesunden Restaurants scheinen von der Bildfläche verschwunden. Um wieder Platz zu machen für mehr Fleischkonsum, für das Frönen der althergebrachten, naiven Bräuche.

Heute folgt eine Enttäuschung der Nächsten und ich kaufte schon das fortsetzende Busticket für den nächsten Tag, bevor ich mich meines Kalenders entsinne. Ich habe noch genügend Zeit und auf der restlichen Strecke gibt es nicht mehr viel zu sehen. Bevor ich wieder sinnlos Zeit in Bangkok schlagen muss, verschiebe ich meine Weiterreise lieber nochmal um einen Tag. Am Abend werden auf dem nahen Nachtmarkt wieder beeindruckende vegetarische Buffets aufgebaut, die in ihrer Hülle und Fülle durchaus Kreuzfahrtcharakter haben. Jedoch ist die laotische Küche generell nicht die raffinierteste ihrer Art, vor allem nicht, wenn man das Fleisch am Leben lässt. Dennoch schmeckt es und macht günstig satt. Außerdem bringen auf hunderten weiteren Metern dutzende Händler allerlei Kunsthandwerk aus der Umgebung unter das Touristenvolk. Neben den üblichen Verdächtigen, wie Textilien und Gemälden, sind auch Kuriositäten wie bemalte Schildkrötenpanzer oder Aluminiumschmuck aus Bombenschrott zu haben.

Ganz die Ruhe, ich habe nichts mehr weiter vor. Ich las von einer Institution, die bilinguale Bücher zu Kindern in umliegende Dörfer bringt. Das interessiert mich, will auch eine Bücherparty schmeißen. Jedoch ist heute Sonntag, und vor allem internationaler Tag der Frau, und dieser hat in Laos höchste Priorität; der Laden bleibt geschlossen. Ich kann gerade noch so eine Kopie eines Marktführers ergattern und diesen mit einer edlen Spende belohnen. Mit dem nützlichen Erwerb ziehe ich über den morgendlichen Handelsplatz und probiere getrocknetes Seegras aus dem nahen Mekong und auch versehentlich geröstete Bienenlarven aus ihrem toten Kokon. Anschließend leihe ich ein Zweirad aus um flussabwärts über die bedrückendste Markthalle Asiens zu einer Kunsthandwerkstatt zu fahren, in der halbstündig kleine Rundgänge angeboten werden. Jedoch sitzt heute keine der Frauen an ihrem Tag am Webstuhl und die Preise im dazugehörigen Laden sind leider astronomischer Natur. Die Summen sind so immens, ich würde sie nicht einmal in Europa berappen, und schon gar nicht in einem Land mit einem durchschnittlichen pro Kopfeinkommen von ungefähr achthundert Dollar im Jahr. Das zeigt wieder die anvisierte, gehobene Klientel die sich an manchen Orten Asiens niedersetzt. Der einladende Garten überschaut jedoch wunderschön den Strom, ich bleibe zu einem Fruchtgetränk. Jetzt im März drückt die Hitze schon gewaltig, vor allem wenn kein Lüftchen weht; ich verkrieche mich alsbald wieder in meinem Zimmer bis der Zenit überschritten ist. Danach sprinte ich nochmal los, aber die Halbinsel am Zusammenfluss von Mekong und Khan ist schnell umrundet. Jetzt ist auch schon bald Zeit für das allabendliche Buffet das wieder köstlich mundet. Die Abende sind das schönste hier: gut gefüllt mit einem händischen Dessert über den Nachtmarkt schlendern und sich an herrlichem Kunsthandwerk erfreuen. Nach der Schlemmerei ziehe ich mich wieder auf meinen Balkon zurück und stoße mit einem Bierchen an, auf mein Wohl, und auf das aller Frauen dieser Welt.

Pak Beng, Laos

Hähne krähen, Mönche chanten, Palmenblätter rascheln in der Flaute; ich wache auf im Paradies. Mit dem TukTuk geht es zum Fluss, um elf Uhr soll die Fahrt beginnen, innerhalb von zwei Tagen nach Luang Prabang, den Mekong herunter. Das knarzende Holzboot ist bestimmt vierzig Meter lang und mit gut einhundert alten Bussitzen bestückt. Ist die Barkasse noch bis zur Ablegezeit nur halb besetzt und bietet jedem Passagier Raum zum freien Atmen, zügelt eine Riesengruppe von fünfzig Leuten nach und füllt den Kahn bis zum Zerbersten. Natürlich ist nur die Art Reisender an Bord, die ihren Stil und Verstand an der Grenze gegen Zigaretten und Alkohol eingetauscht hat. Ich höre nur noch deutsch und englisch; manchmal möchte ich Chinese sein, nichts verstehen von der Welt. Gelbsäcke sind jedoch tatsächlich nicht an Bord, ich weiß nicht welches Übel das Größere wäre. Wir legen ab und tuckern los, zusammengepfercht, dreißig Zentimeter über dem Strom, siechen wir dahin. Man kann sich nicht bewegen, überall wohin man schaut nur Menschenfleisch. Alsbald rotten sich Grüppchen zusammen, man raucht, man trinkt, man grölt, genießt sich selbst und das ach so flotte Leben. Nein danke, mir wird schon schlecht ohne hinzusehen. Die Fahrt ist nur mit lauter Musik im Ohr zu überleben. Umgeben von Deutschen spreche ich kein Wort, verkrieche mich in meiner Welt und versuche lächelnd abzuschalten. Der Fluss ist breit aber spiegelt gut sechs Meter tiefer als normal, es ragt spitzer Schiefer aus dem Gewässer, die angrenzenden Hügel sind nicht allzu hoch begrünt. Mit dem Licht wird auch die Landschaft besser: dichter Dschungel auf steilen Klippen zieht unbeschwert an uns vorbei.

Nach sechs Stunden kommen wir in der kleinen Siedlung an, in der wir die Nacht verbringen werden. Ich verlasse fluchtartig das Schiff, versuche eine Unterkunft frei von Landsleuten zu finden, leider folgen sie mir nach. Bald sitze ich in einem Restaurant und achte penibel darauf, nur von Englisch und Französisch umgeben zu sein. Ich weiß nicht warum, aber spricht jemand die deutsche Sprache, scheint meist nur noch sanft gequirlter Mist heraus zu kommen. Wahrscheinlich liegt es aber auch an dem Alter und der Sorte Tourist die momentan hierher gezogen ist. Nach dem Essen komme ich mit dem weißhaarigen Iren John und dem grauhaarigen Katalanen George ins Gespräch, die eher meinem intellektuellen Anspruch sowie Alter entsprechen, und lasse meine klaffenden Wunden mit wohl gewählten Worten kurieren.

Freudige Überraschung am Morgen: das heutige Boot ist um zwei Klassen besser und man teilt die Meute auf zwei Kähne auf, sie werden dennoch voll besetzt. Aufatmen, so wird diese, eine entspannte Flussabwärtsfahrt. Natürlich kommen die letzten Trunkenbolde fast neunzig Minuten später als verabredet und stolpern bewusstlos mit Sonnenbrille und Baseballkappe an Bord der Motorschiffe. Heute muss mein Glückstag sein, ich bemerke keine Deutschen in meinem direkten Umfeld, bekomme keinen Kontext mit von jedweder Konversation. Die Spanierin neben mir ist eine wahre Kuriosität: sie liest tatsächlich ein Buch ohne sich nebenbei (dafür) lautstark zu brüsten. Ich bin beruhigt, kann das Motorentuckern genießen ohne es mit lauten Klängen zu übertünchen. Ich beobachte ein Phänomen, was ich wieder an meinen Landsmännern & -frauen statuieren muss, dies ist leider die größte Gruppe der Reisenden in Laos im Moment: die Jugend scheint sich gern unter ihres Gleichen zu mischen um in Mutters Sprache über ihr aufregendes Leben in der Heimat zu berichten, dort weiter zu machen wo man vor zwei Wochen Mutters Schoß verließ, völlig losgelöst vom jetzigen Ort des Geschehens, völlig irrelevant des Ortes auf diesem Planeten. Ich kriege von dem Elend glücklicher Weise nicht allzu viel mit, der grölende Pulk sitzt weit entfernt. An Spannung fehlt es der Flussfahrt etwas, jedoch nicht an Gemütlichkeit und ich verbringe die Zeit geschmeidig mit schlummern, lesen, schnabulieren. Kurz vor Ende wird es dann doch noch einmal spannend, als das Boot in einer schnellen Strömung gehörig über Backbord kippt und die mir gegenüberliegende Seite ordentlich die Dusche kriegt. Kurz das Blut in Wallung gebracht und gerade so noch mal Glück gehabt.

Houay Xay, Laos

Niemand vertritt die Rezeption als ich noch früh am Morgen die Unterkunft verlasse und so prelle ich mich selbst um die horrende Kaution für den Zimmerschlüssel. Das ist mir aber egal, muss es sein, Freiheit hat eben manchmal ihren Preis. Der TukTuk Fahrer, der mich zum Busbahnhof bringt, ist ausnahmsweise Mal von der verträglichen Sorte und transportiert mich für einen fairen Preis. Ich bekomme einen der letzten Plätze und steige eine knappe Stunde später in einen höchst komfortablen Bus. Selbst eine Business Class und Toilette hat es hier an Bord. Es finden zwar nur zweiunddreißig Personen Platz in diesem Gefährt, dafür reisen diese aber mit außerordentlichem Stil. Da könnten sich deutsche Fernbusunternehmen noch gut zwei Scheiben abschneiden. Aber nein, stimmt, in Deutschland ist ja alles auf den maximalen Profit ausgelegt, ich vergaß; Wachstum heißt das endlos quälendeHöllenwort.

Endlich ist die Landschaft so hügelig grün wie ich mir den Norden Thailands immer vorgestellt habe. Wir brausen über kurvenreiche Highways die Berge hoch und runter, dennoch ist es sanft genug, dass ich mein fahrendes Büro eröffnen kann. Transportmäßig haben es die Thais echt drauf, das muss man ihnen lassen. Eine perfekte Fahrt nimmt jedoch ein durchwachsenes Ende: anstatt uns, wie noch in meinem Reiseführer beschrieben, am Flussufer heraus zu lasen um dann gemütlich mit dem Boot nach Laos überzusetzen, werden nun alle Grenzgänger fünf Kilometer vor der neuen Freundschaftsbrücke Nummer Vier heraus gelassen. Die TukTuk Fahrer, die einarmigen Banditen, lassen schon die Dollarzeichen in den Augen rollen. Mit einem Mordsspeed rasen wir zur Grenze. Stempel rein und schleunigst wieder raus aus Thailand, mit dem Bus ins Niemandsland und über den Mekong. Ein riesiges Gebäude säumt den laotischen Übergang und herrlich unfreundlich bekomme ich nach einem langwierigen Prozess das Visum in den Pass gerotzt.

Irgendwann sitze ich wieder irgendwo drin, weitere zehn Kilometer folgen nach Houay Xay, der anheimelnden Grenzstadt am Mekong im laotischen Nordwesten. Ich finde wieder schnell eine passende Unterkunft, schaue wunderschön von meinem Fenster durch Palmen auf den ruhigen Strom. Es ist höchst erstaunlich wie sich die Atmosphäre mit meiner Vorstellung gleicht, denn es ist genauso wie erhofft, tropisch mild, gemütlich gediegene Energie. Ich bin hoch zufrieden mit der Situation, finde noch ein tolles Restaurant und kann das Glück kaum fassen, heute schon zu sehen wie die Sonne hinter den Bergen in Laos untergeht.

Chiang Mai, Thailand

Morgendliche Sonnenstrahlen erhellen meinen Raum und mein Gemüt. Ich bin schon früh auf den Beinen, bleibe aber im Hotel, Büroarbeit muss erledigt werden. Nach dem Frühstück steht auch schon das Taxi zum Flughafen bereit. Vierzig Minuten durch Vertrocknetes zum Mandalay International. Gerne wäre ich auf dem Landweg ausgereist, aber die dafür notwendigen Straßen sind einstweilen noch für Ausländer gesperrt. Der modernste Flughafen des Landes gleicht einer Wüste der Gemütlichkeit, hält aber die längste Start- & Landebahn Südostasiens bereit, auf der eine kleine Propellermaschine wartet um mich auszufliegen. Bin ich es mittlerweile schon gewohnt, meine gefüllte Wasserflasche mit an Bord zu bekommen, bin ich aber dann doch überrascht, dass sich niemand während der beiden Kontrollen an meiner großen, metallischen Klinge im Handgepäck stört. Gut für mich, und ein weiterer triumphaler Sieg über die Sinnlosigkeit dieser Schikanen.

Ich setze mich unter die Tragflächen direkt neben den mannshohen Rotor und es gibt tatsächlich wie bestellt Rohkost zu verkosten. Die kurze Zeit vergeht sprichwörtlich wie im Fluge, »Sawade Ka«, willkommen zurück in Thailand. Am Flughafen von Chiang Mai wurde gerade eine Horde Chinesen ausgeschüttet die nun gewohnt hektisch zeternd die Immigration blockiert. Jedes Mal wenn ich Neureiche aus dem Land der Mitte sehe, bekomme ich ein ungutes Gefühl; sie benehmen sich wie im Porzellanladen und sehen aus als hätten sie geradewegs einen Zeitsprung aus den Achtzigern hinter sich. Völlig desorientiert und modisch zweifelhaft gekleidet gackern sie lautstark wie im Hühnerstall. Wo soll das noch hinführen, wenn immer mehr und mehr offensichtlich unbedarfte Chinesen die Möglichkeit bekommen, in die ferne Welt zu ziehen und dabei alles mit den Füßen zu treten was sich in ihrem Weg befindet? Gewöhnlich unfreundlich werde ich in Thailand empfangen, finde jedoch schnell eine billige Bleibe im Herzen der Stadt. Ich hatte nur geringe Erwartungen an Chiang Mai, aber etwas mehr hatte ich mir dann doch erhofft. Die Altstadt ist nichts mehr als eine Ansammlung hässlich moderner Häuser hinter denen sich ab und an mehr oder weniger sehenswerte Tempel verstecken. Mir bleiben noch ein paar Stunden Tageslicht, in denen ich versuche die wichtigsten Dinge abzuhaken. Nichts reizt mich wirklich intensiv, schon gar nicht die Art von Langnasen die es nicht nach Myanmar geschafft haben und sich lieber hier für ihren alternativen Lebensstil zusammen rotten. Chiang Mai beherbergt Hippies, nur ohne jeden Charme. Eine Enklave Bewusstseinserweiterter, die aussteigen müssen, um jeden Preis, egal wie hässlich der Ort an dem sie sich befinden. Ich versuche am Abend noch einen Platz im Minibus nach Laos zu bekommen, es ist (zum Glück) alles ausgebucht, der feine Tourist scheut sich sogar vor dem Gang zum Busbahnhof, man könnte ja echte Einheimische treffen.

Mandalay, Myanmar

War der gestrige Minibus nach Mandalay noch zart besetzt, so setze ich mich heute auf den letzten freien Platz, wenigstens bin ich die einzig weiße Nase im Geschoß. Viel langweiliger könnte eine Fahrt nicht sein, viel mehr außer Asphalt und Staub bekomme ich nicht zu Gesicht. Hupend winden wir uns auf der einen Seite über lange Serpentinen den Berg hinunter, nur um auf der anderen das gleiche Spiel zu revidieren. Es wird zweimal zum Essenfassen angehalten, die Fahrt könnte viel kürzer sein, man stielt mir aktive Erlebenszeit. Zu den fünf veranschlagten Stunden, wartend auf der Rückbank zappeln, kommen am Ende noch mal anderthalb hinzu. Ich habe keine Zeit mehr für Sperenzien, lasse mich direkt in das Hotel von vor zwei Tagen fahren. Ich checke ein, schnappe mir umgehend ein Fahrgestell und knüpple heftig mit den Hufen, will noch ganz viel sehen, spüren, schwitzen. Ich strample wie ein Bekloppter durch die Gassen, habe noch viel Energie jetzt zum Verprassen. Wollte ich Temple und Pagoden sichten, so liegt mir jetzt das ungeschönte Leben direkt zu Füßen. Szenen des Handels und des Trotts, Szenen voller Freundlichkeit. Ich halte an und bin immer herzlichst willkommen, versuche stets die möglichst beste Energie zu senden. Ich streife quer durch die Millionenstadt, schiebe über hölzerne Brücken über Bracken. Sehe die Siedlungen im Flussbett wachsen und den Kindern beim unbedarften Spielen zu. Weiter geht es immer heiter bis die Sonne tief am Himmel steht. Ich gebe nochmal alles, schwitze wie ein Berserker. Das Glück ist kaum noch auszuhalten, die Haare stehen steif zu Berge, der magische Moment durchzuckt den Leib. Die Lichter der Häuser beginnen die Straßen zu beleuchten, der Qualm der Garküchen flackert durch das Bühnenbild. Mandalay, eine Stadt nicht von augenblicklicher Lieblichkeit, in der Augenblicke aber ewig waren. Gebührend und ganz traditionell erlebe ich so, ganz hingegeben, meinen letzten Abend im geheimnisvollen Myanmar.